Forschung

Prototyp. Zukunft materiell entwerfen. Prototypen als Kommunikationsmedien des Neuen (BMBF Verbundprojekt)

Artefakte verweisen nicht nur auf eine Gegenwart. In sie sind auch mögliche Zukünfte eingeschrieben. Sie können etwa Erwartungen zukünftigen Heils, technologischer Machbarkeit, wirtschaftlicher Prosperität, nachhaltiger Praxis oder ästhetischer Innovation zum Ausdruck bringen. Angesichts dieser vielfältigen und zum Teil widersprüchlichen Erwartungen an die Zukunft erscheint es außerordentlich vielversprechend, den Spuren des Möglichen in ihrer materiellen Konkretion nachzugehen. Einen besonders attraktiven Zugriff auf diese materiell eingeschriebene und performative Futurität bietet das Studium von Prototypen. In Prototypen geben DesignerInnen, KünstlerInnen und IngenieurInnen einer möglichen Zukunft materielle Gestalt. Prototypen sind inhärent unfertige Artefakte, die erwartete Möglichkeiten als erfahrbare Wirklichkeiten darstellen. Prototypen sind somit temporal paradox: Sie repräsentieren ein zukünftig zu realisierendes Objekt, mit dem sie selbst, als jeweils gegenwärtig vorliegendes Objekt, nicht identisch sind. Wie kann diese Paradoxie praktisch entfaltet werden? Wie gelingt die Kommunikation zukünftiger Materialität durch gegenwärtige Materialität? Wie werden Zukünfte in Objekte eingeschrieben und gelesen? Was sind die spezifischen kommunikativen Leistungen von Prototypen, die über eine text- oder bildförmige Vermittlung von Zukunft hinausgehen? Kurzum: Wie kommunizieren Prototypen Zukunft? Dem soll das Verbundvorhaben nachgehen und dabei die Leitidee der Ausschreibung offensiv aufgreifen: Wir wollen prototypische Objekte als aktive Kommunikationsmedien eigenen Ranges dechiffrieren. Neben einer wissenschaftlichen Verwertung fließen die Resultate des Projekts in eine Ausstellung des Deutschen Museums Nürnberg ein, welche prototypische Entwürfe sichtbar machen und Brücken zwischen vergangenen und gegenwärtigen Zukünften schlagen soll.

 

Evidenz in der Citizen Science. Zwischen nicht-zertifizierter Expertise, professioneller Kontrolle und Technisierung (Teilprojekt 6 der DFG Forschergruppe “Practicing Evidence – Evidencing Practice”)

Unter dem Stichwort Citizen Science etabliert sich gegenwärtig ein sozioepistemisches Arrangement, das auf der Partizipation von Laien im Forschungsprozess basiert. Während die bisherige Forschung zur Thematik eher auf normative Fragen (etwa bzgl. der Gestaltung der Partizipation) fokussierte, stellt das geplante Projekt epistemische Probleme und ihre soziale Bearbeitung in den Mittelpunkt der Analyse. Gefragt wird, wie Evidenzpraktiken in der Citizen Science funktionieren – angesichts einer Beteiligung von Akteuren und Akteurinnen, die nicht zu zertifizierten wissenschaftlichen Professionsgemeinschaften gehören. (Wie) kann Wissen auch dann als glaubwürdig und handlungsorientierend erachtet werden, wenn der soziale Kreis der Beteiligten an der Forschung den berufswissenschaftlichen Kontext überschreitet? Der Stand der Forschung legt es nahe, insbesondere drei Typen von Evidenzpraktiken in den Blick zu nehmen, mit denen die spezifischen sozioepistemischen Fragilitäten von Citizen Science bearbeitet werden, nämlich 1) die Attribution von nicht-zertifizierter Expertise, 2) die professionelle Kontrolle durch zertifizierte Experten und 3) die Technisierung der Wissensproduktion, welche Defizite in der Expertise abfedert.

http://www.evidenzpraktiken-dfg.tum.de/teilprojekt-6

 

Vorgeführter Originalitätsverdacht. Eine kleine Soziologie des Prototyps im Zeitalter seiner Vergesellschaftung (VolkswagenStiftung)

Wohl kaum ein technisches Objekt symbolisiert den zeitgenössischen Umgang mit dem Neuen so markant wie der Prototyp. Prototypen sind Inszenierungen von Originalitätsverdacht – wie der Begriff der Originalität selbst, verweist auch der Begriff des Prototyps heute kaum mehr auf die Vergangenheit (auf eine ursprüngliche Form), sondern auf eine in die Zukunft gerichtete Innovation. Der Prototyp verspricht eine Zukunft, die er gegenwärtig nicht einlösen kann. Gleichwohl – so versucht uns der Prototyp zu versichern – ist das künftig Neue und Originelle kein leeres Versprechen, sondern etwas, das sich bereits jetzt vorführen lässt. Prototypen sind materielle Inszenierung einer gegenwärtig prüfbaren technologischen Zukunft. Im Kontrast zur langen Vernachlässigung dieses Gegenstands (sowohl in der Innovationsforschung als auch in den technikreflexiven Geistes- und Sozialwissenschaften) lässt sich gegenwärtig eine zunehmende akademische Aufmerksamkeit für das inhärent unfertige Objekt des Prototyps ausmachen. Diese Aufmerksamkeit richtet sich vor allem auf die Bedeutung von Prototypen im Innovationsprozess. Das Projekt schlägt hier einen anderen Weg ein: Es erarbeitet eine Kultur- und Gesellschaftsdiagnose des Prototyps. Dazu wird eine zweigesichtige These entfaltet: nämlich die einer Vergesellschaftung des Prototyps einerseits und einer Prototypisierung der Gesellschaft andererseits.

http://portal.volkswagenstiftung.de/search/projectDetails.do?ref=93025